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Das Archivale des Monats September 2018…

  • … zeigt den Totenzettel von Marie Sibille Startz aus dem Jahre 1793.
  • Totenzettel haben einen hohen Stellenwert in der Forschung und spiegeln unter anderem zeit- und kulturgeschichtliche Entwicklungen sowie der jeweilige Zeitgeist wider.
  • Sie entstanden während der Reformation als Gegenreaktion der Katholischen Kirche zu den stark verbreiteten Leichenpredigten des Protestantismus.

Das Aachener Stadtarchiv zeigt aus seinen Magazinen regelmäßig interessante Stücke als Archivale des Monats. Das Archivale mit einem kurzen Begleittext wird entsprechend in einem Schaukasten im Foyer des Stadtarchivs am Reichsweg sowie digital auf der Homepage des Archivs präsentiert. Das Archivale des Monats September 2018 zeigt den Totenzettel von Marie Sibille Startz aus dem Jahre 1793.

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(v.l.n.r.) Archivarin Nicole Brillo, Friedhofsverwalter Wolfgang Berg und Angelika Pauels, stellvertretende Leiterin des Aachener Stadtarchivs, präsentieren auf dem Ostfriedhof das Archivale des Monats September 2018. © Stadt Aachen / Andreas Herrmann


Beten für die Seele des Verstorbenen
Marie Sibille Startz, geborene Theilen, starb vor 125 Jahren am 21. September 1793 Jahren nach 48 Lebens-, 23 Ehe- und vier Witwenjahren. Diese Informationen verdanken wir einer der vielen wertvollen Quellen im Stadtarchiv Aachen - dem Totenzettel. Die Geschichte der Totenzettel beginnt in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Belgien und den Niederlanden (hier Bidprentjes genannt) und zieht sich bis in die heutige Zeit. Die Totenzettel entstanden während der Reformation als Gegenreaktion der Katholischen Kirche zu den stark verbreiteten Leichenpredigten des Protestantismus. Während diese Predigten ausführlich Auskunft über den Verstorbenen gaben, sollten die während des katholischen Requiems – der Totenmesse – verteilten Totenzettel hauptsächlich dazu dienen, für die Seele des Verstorbenen zu beten.

Die Form der Totenzettel hat sich im Laufe der Jahre mehrfach gewandelt. Die anfänglich auf Pergament oder Papier teilweise noch handgeschriebenen Exemplare, die sich nur die Geistlichkeit, der Adel oder das höhere Bürgertum leisten konnten, enthielten im Wesentlichen den Namen und die Lebensdaten des Verstorbenen sowie die Bitte um ein Gebet für das Seelenheil. Letzteres sollte der Verkürzung der Fegefeuerqualen des Verstorbenen dienen. Die Größe der Totenzettel variierte stark und konnte den Umfang eines kleinen Plakates erreichen. Oft waren sie reich mit religiösen Motiven geschmückt, häufig in Form eines Rahmens. Dabei handelte es sich meist um düstere Todessymbolik wie den Sensenmann, Totenschädel, Särge, zerbrochene und erloschene Kerzen, Urnen und Uhren.

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Die Archivale des Monats September 2018 zeigt den Totenzettel von Marie Sibille
Startz aus dem Jahre 1793. © Stadt Aachen

Das Prestige der Verstorbenen wurde unterstrichen
Nach der Französischen Revolution verbreiteten sich die Totenzettel in allen Bürgerschichten. Ihr religiöser Zweck wurde schon bald verdrängt, die Totenzettel dienten nun mehr und mehr dazu, das Prestige der Verstorbenen zu
unterstreichen. Neben den Lebensdaten können Angaben zur Eheschließung, zu verstorbenen Ehepartnern, Kindern, Beruf, Stand, Titeln, Ehrenämtern, öffentlichen Funktionen, verliehenen Auszeichnungen, Krankheiten und deren Verlauf sowie der Todesursache enthalten sein.

Zur Aufbewahrung im Gebetbuch bestimmt
Die Totenzettel waren beidseitig bedruckt und auf der Rückseite mit Heiligendarstellungen oder christlichen Texten versehen. Der verwendete religiöse Bildschmuck hatte nun eine tröstlichere Wirkung. Ab ungefähr 1900 ersetzten
Portraits der Verstorbenen oftmals die Heiligenabbildungen. Auf den jetzt auch verstärkt vorkommenden Doppelblatt-Totenzetteln findet man häufig geschlossene Lebensläufe. Mit ihrem nun kleinen Format (ca. DIN A6) waren die Totenzettel zur Aufbewahrung im Gebetbuch bestimmt. Zur Messfeier waren sie somit immer zur
Hand und sollten dadurch die Erinnerung an den Verstorbenen erhalten und zum Gebet für ihn anregen. Ab den 1960er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ging der Brauch der Verteilung von Totenzetteln stark zurück und wurde durch die Veröffentlichung einer Todesanzeige in der Zeitung ersetzt.

Totenzettel haben in der Forschung einen hohen Stellenwert. Sie dienen so als Ersatz- und Ergänzungsüberlieferung in der Personen- und Familienforschung. Sie dokumentieren gleichzeitig die teilweise sehr weitläufige Verzweigung der Aachener Familien über die Grenzen in die Niederlande und nach Belgien sowie die Verflechtungen einzelner Unternehmen. Und nicht zuletzt spiegeln sich in ihnen in nicht unerheblichem Maße zeit- und kulturgeschichtliche Entwicklungen sowie der jeweilige Zeitgeist wider.

Stadtarchiv will seine Totenzettelsammlung digitalisieren
In Kürze wird das Stadtarchiv Aachen mit der Digitalisierung der Totenzettelsammlung beginnen, um sie einfacher nutzbar zu machen. Ein Bitte: Wer noch Totenzettel besitzt, die nicht mehr benötigt werden, kann diese gern
beim Stadtarchiv Aachen abgeben.

Herausgegeben am 29.08.2018 von:

Stadt Aachen
Fachbereich Presse und Marketing
Bernd Büttgens
Markt 39
52062 Aachen
fon: 0241/432-1309
fax: 0241/28-121
mail: presse.marketing@mail.aachen.de

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