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Immendorffs „Brandenburger Tor“ geht auf Reisen

Seit Eröffnung des Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen repräsentiert eine große Bronzeplastik von Jörg Immendorff das Kunstverständnis des neuartigen Museums: Das Werk, das mit vollem Titel „Naht Brandenburger Tor – Weltfrage“ heißt, wurde 1982 auf der documenta 7 ausgestellt und später von dem Aachener Sammlerpaar Peter und Irene Ludwig angekauft. Die 4,5 Tonnen schwere Arbeit begrüßte zuletzt die Besucher beim Betreten der Halle.

Gestern wurde sie von einer Kunstspedition abtransportiert, um ab dem 14. September im international renommierten Haus der Kunst in München als zentrales Werk der Ausstellung „Jörg Immendorff: Für alle Lieben in der Welt“ präsentiert zu werden, der großen und ersten Retrospektive nach dem Tod des 2007 verstorbenen Künstlers. Die Ausstellung läuft bis zum 27.01.2019, danach kehrt die Großplastik in die Halle des Ludwig Forum Aachen zurück.

Zum Werk:

Jörg Immendorff, * 1945 in Bleckede, Lüneburg, + 2007 Düsseldorf

Naht Brandenburger Tor – Weltfrage, 1982/83, Bronze, Ölfarbe

Vor zehn Jahren, im Mai 2007, verstarb Jörg Immendorff, einer der bedeutendsten politischen Künstler im Nachkriegsdeutschland. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählt „Naht Brandenburger Tor – Weltfrage“ (1982-1983). Es zeigt fünf auf einem Fundament ruhende mächtige Pfeiler, die von einem flachen ,Gebälk‘ gekrönt werden. Die Skulptur erinnert an das Brandenburger Tor, ein Bauwerk, das die preußische Geschichte mit der deutsch-deutschen Teilung verbindet. Die Begriffe „Naht" und „Weltfrage“ weisen darauf hin, dass die Auseinandersetzung mit dem symbolträchtigen Baudenkmal als einer „Nahtstelle“ zweier politischer Ideologien auch mit Überlegungen über die globale Zukunft gekoppelt war.

Rosa Luxemburg: Erst Siegesgöttin, dann Märtyerin
Das flache Postament stellt die ausgebreiteten Schwingen eines Wappenadlers dar. Der linke Flügel ist eis- und schneebedeckt. In ihn sind die Worte „Heuler“, „Folge“, „Naht“ und „Weltfrage Brandenburger Tor“ eingeritzt. Die Reihe der sich auf dem Adler-Fundament erhebenden Pfeiler beginnt auf der linken Seite mit einer geschützartigen Maschinerie in Tarnfarben – als Sinnbild militärischer Gewalt. Es folgt ein Grenzwachturm, dessen Gerüst in wörtlichem Sinne aus Soldaten gezimmert ist. Ein darauf sitzendes Paar, das als Säulenkrone dient, ist zwischen staatlichem Kontrollturm und Gebälk eingeklemmt. Der mittlere Pfeiler persifliert die Quadriga des Brandenburger Tors. Pferde und Wagen sind im Sturz gezeigt. Darunter ist das Porträt von Rosa Luxemburg zu erkennen. Im Zusammenhang mit dem Werk erscheint die Figur als ehemalige Siegesgöttin, die durch den Sturz bedroht, zur Märtyrerin mutiert. Der Pfeiler wird zu einem Symbol für den aussichtslosen Kampf um den Sozialismus. Das letzte Drittel des Gebälks wird von einem Doppelpfeiler gestützt: Ein riesiger, wie ein Dollar- oder Fragezeichen geschwungener Pinsel ist an einen Adler gelehnt, um dessen Hals sich ein weiterer Pinsel windet. Kritisch hinterfragende Kunst und Wirtschaft bilden so symbolisch eine Einheit.

Als Gebälk des ,Tores‘ dient – an den kalten Krieg erinnernd – eine massive schneebedeckte Eisscholle. Auf dieser Platte befinden sich sogenannte „Systemklemmen Ost-West“, in die die Wappenembleme von BRD (Adler) und DDR (Hammer und Sichel) gepresst sind. Die in Eis gefrorene Trommel auf der linken Seite gibt einen Hinweis auf das Lieblingsinstrument des – noch in der ehemaligen DDR wohnenden – Künstlerfreunds A.R.Penck, mit dem Immendorff seit 1976 einen intensiven künstlerischen Dialog führte.

Jörg Immendorffs monumentales Werk „Naht Brandenburger Tor – Weltfrage“ hat drei Bedeutungsebenen: Es ist symbolisch-visualisierte Schnittstelle globaler politischer Machtblöcke, historisches Mahnmal und Ausdruck der persönlichen Geschichte des Künstlers.

Herausgegeben am 28.08.2018 von:

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