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Öcher Pavei. Kopfsteinpflaster sorgt für das Flair der Altstadt

  • Echtes Handwerk: Die Straßenbauer des Stadtbetriebs sind täglich mit der Erhaltung des Kopfsteinpflasters in der Innenstadt beschäftigt.
  • Barrierefreiheit: Geschnittenes Pflaster erleichtert das Vorankommen mit Rollstühlen und Rollatoren und bewahrt den historischen Charakter.
  • Nachhaltigkeit: Bei Arbeiten am Natursteinpflaster wird konsequent recycelt. Auf dem Bauhof lagert hierfür bergeweise Material für jeden Ort.
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Jeder Handgriff sitzt: Am Büchel wird die Baumaßnahme wieder rückstandslos beseitigt und jeder Stein genau angepasst. © Stadt Aachen / Timo Pappert

Stein um Stein nimmt das Kopfsteinpflaster am Büchel wieder Gestalt an, nachdem dort kürzlich die versenkbaren Pilomaten installiert worden sind. Stein um Stein – das ist wörtlich zu nehmen. Einzeln werden die Steine von den Pflasterern ausgewählt, an die richtige Position gehalten und eventuell angepasst, in die Sandbettung gelegt und durch vorsichtige Schläge mit dem Pflasterhammer fixiert. Ist die zu bearbeitende Fläche fertig gelegt, wird Fugenmaterial eingekehrt und schließlich alles durch Druck einer Rüttelplatte auf die richtige Höhe verdichtet. Früher wurden die Steine mit einer sogenannten Pflasterramme auf Höhe gebracht. Eine Menge Arbeit, die auch zeitintensiv ist. „Das ist noch echtes Handwerk“, betont Axel Stärk. „Eine Arbeit, die man gerne machen muss.“
Stärk muss es wissen. Der Straßenmeister ist mit seinen Kollegen für die Straßenunterhaltung im Aachener Stadtgebiet zuständig und kennt so ziemlich jeden Naturstein, der in der Altstadt gelegt wurde. Und das sind eine ganze Menge; rund um Dom und Rathaus ist alles „vollgepflastert“ – vom Grundsatz her in historischer Bauweise. Schon die die römischen Vorreiter des Straßenbaus arbeiteten mit Natursteinen, die in eine Sandbettung gelegt und verfugt wurden. Und diese Vorreiter haben ihr Wissen und ihre Infrastruktur bekanntermaßen zu unseren heißen Quellen mitgebracht.

Geschichte
Erst im letzten Jahr hat Stadtarchäologe Andreas Schaub unter der heutigen Jakobstraße eine befestigte Römerstraße ausgemacht, die vermutlich einst die Siedlungen in Aachen und Maastricht miteinander verband. Auf einer Bettung aus Sand und Feuersteinkies haben die Römer aus Kalkstein und weiteren Steinarten hier jedoch eine Rollschicht als Straßenoberfläche angelegt. Auch Karl dem Großen wird ein großes Interesse am Ausbau des Straßennetzes nachgewiesen, Kopfsteinpflaster aus seiner langen Herrschaft wurde aber bislang ebenfalls nicht ausgemacht. „Die meisten römischen Straßen in Aachen wurden offenbar bis zum 12. und 13. Jahrhundert weiter genutzt. Am Büchel konnte ich zuletzt die ältesten mittelalterlichen Straßen dokumentieren, die etwa in das 13. oder 14. Jahrhundert datieren. Dies sind aber keine echten Kopfsteinpflaster, sondern Grobkiespflasterungen“, sagt Schaub. Die erste Hochphase für das Öcher „Pavei“ – wie der Aachener sein Straßenpflaster nennt – begann also erst später, was sich auch an der Prägung des Wortes zeigt, das erst im späten Mittelalter aus dem Wallonischen entlehnt und vermutlich durch französische Pflasterer mit in unsere Region getragen wurde (pavaie = pflastern). Wann genau der erste aus Kopfsteinpflaster gefertigte Weg durch die Kaiserstadt führte, kann heute allerdings nicht mehr gesagt werden.

Regina Poth, über viele Jahre Abteilungsleiterin Straßenplanung- und Bau bei der Stadt Aachen, erzählt von den Höhen und Tiefen des Straßenpflasters, das nach dem Fall des Römischen Reichs in ganz Europa ein wenig in den Hintergrund rückte und erst im Zuge der Industrialisierung wieder populärer wurde. „Im 19. Jahrhundert gerieten Pflastersteine in Europa allerdings wieder in Verruf, weil sie während der Revolutionen aus den Straßen gerissen und zum Bau von Barrikaden oder als Wurfmaterial genutzt wurden.“ Durch immer größeres Verkehrsaufkommen und stärkere Belastungen haben sich die Anforderungen an Straßenbeläge laut Poth stetig verändert, wodurch Natursteinpflaster mit der Zeit primär Fußgängerzonen und historische Stadtkerne ausstattet. Höhere Kosten, mangelnde Tragfähigkeit und große Lärmbelastung sind die Hauptgründe dafür.

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Stein um Stein: Die Straßenmeister Axel Stärk (r.) und Thomas Schmidthaber (l.) bewahren gemeinsam mit ihrem Team das historische Flair in der Innenstadt. © Stadt Aachen / Timo Pappert



Farben, Formen, Moden
Axel Stärk und sein Kollege Thomas Schmidthaber, ebenfalls Straßenmeister beim Stadtbetrieb, sorgen dafür, dass das historische Erbe bewahrt wird, und kontrollieren den Zustand des Aachener Pavei ständig. Sie können die Geschichte und die Veränderungen der Zeit täglich sehen: Im Stadtgebiet sind über die Jahre viele verschiedene Materialien verbaut, verschlissen und ersetzt worden.

Das Ausmaß kann man erahnen, wenn man mit Stärk und Schmidthaber eine Runde über den Bauhof am Freunder Weg dreht. Bergeweise liegen hier Grauwacke, Basalt, Granit und mehr in verschiedenen Größen nebeneinander: Mosaikpflaster, Kleinpflaster und Großpflaster. „Über mehrere Jahrzehnte wurden bei Baumaßnahmen die gerade gängigen Steine verwendet. Steine die da – oder aber günstig einzukaufen – waren. Daraus ergeben sich natürlich Unterschiede in Material, Größe und Gestaltung“, erklärt Schmidthaber. Auch die jeweilige „Mode“ der Zeit spielt natürlich eine Rolle. Das Pflaster auf dem Marktplatz wurde zum Beispiel 1989 erneuert, die Wahl der Steine und die Verlegung in Karrees hatten hier auch optische Gründe.

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Bergeweise Material: Auf dem Bauhof am Freunder Weg lagert der Stadtbetrieb für jede Straße und jeden Platz den richtigen Stein. © Stadt Aachen / Timo Pappert


Die historische Altstadt wird barrierefrei
In den letzten Jahren haben sich bei Baumaßnahmen wieder Änderungen ergeben, die ebenfalls optische Auswirkungen mit sich bringen, aber primär praktisch begründet sind: In der Ritter-Chorus-Straße sowie der Körbergasse und momentan am Hof wird geschnittenes Großpflaster gelegt.
Überall dort, wo es möglich ist, kommt bei Baumaßnahmen in der Altstadt geschnittenes Pflaster zum Einsatz. So kann eine Barrierefreiheit und eine generell besser berollbare Fläche geschaffen werden, ohne den historischen Charakter im Stadtkern zu beeinträchtigen. Taktile Elemente für Blindenleitsysteme werden bei den Maßnahmen mit in die Gehflächen integriert.

Ständige Kontrolle und Ausbesserung
Die Straßenmeister Stärk und Schmidthaber sind täglich auf Aachens Straßen und Wegen unterwegs, kontrollieren den Zustand der Straße und gehen Hinweisen auf beschädigte Stellen nach. Diese Hinweise kommen sowohl von aufmerksamen Bürgerinnen und Bürgern, aber auch von insgesamt sechs Mitarbeitern, die jeden Tag zu Fuß das Stadtgebiet begehen, um jeden Meter im Blick zu behalten. Mit ihren Hinweisen können Stärk und Schmidthaber aktiv werden und den Kolonnen die Aufträge zur Ausbesserung erteilen. Dann geht es wieder los: Steine entfernen, Bettung erneuern, Steine anpassen, hämmern, verfugen und verdichten.

Die Auswahl der Steine richtet sich zum einen nach der Umgebung, zum anderen nach der Art des Verbands: Großpflaster wird konsequent in Reihe angeordnet, Kleinpflaster kann sowohl in Reihe als auch im Bogenverband ausgerichtet werden. Der Vorteil des Bogenverbands ist, dass jeder Stein verwendet werden kann. Bei der Verlegung in Reihe müssen passende Steine ausgesucht und gegebenenfalls angepasst werden, damit sie sich perfekt einfügen.

Während ihrer Ausbildung lernen die angehenden Straßenbauer auf dem Bauhof jeden Stein kennen und üben jede mögliche Form der Anordnung, die im Stadtgebiet zu finden ist. Dazu gehören auch besondere Mosaikformationen und ausgefallene Muster, wie sie etwa die Promenade der Monheimsallee und Teile der Gehwege der Theaterstraße zieren. „Hier wurde schon damals mit Schablonen gearbeitet, das ist eine sehr aufwendige und kleinteilige Arbeit, die dafür umso schöner aussieht. Heute wird dies allerdings nicht mehr gemacht“, meint Axel Stärk. Weniger aufwendige Aufträge sind auch etwas schneller erledigt: „Eine Pflasterfläche von etwa sechs Quadratmetern ist von einem geübten Pflasterer an einem Arbeitstag zu reparieren“, sagt Straßenmeister Schmidthaber.

Ökologische und optische Vorteile
Zwar sind Zeitaufwand und Kosten höher als bei der Verwendung von Asphalt, dafür kann das Natursteinpflaster aus ökologischer Sicht punkten: „Wenn Sie eine beschädigte Asphaltdecke reparieren oder für Bauvorhaben aufreißen, muss immer neuer Asphalt her, um die Fahrbahn zu erneuern. Bei Arbeiten am Kopfsteinpflaster wird konsequent recycelt. Die beschädigten Steine kommen zum Bauhof und können bei anderen Arbeiten wiederverwendet werden“, betont Regina Poth.

Auch aus optischen Gründen haben Maßnahmen am Pflaster einen Mehrwert, wie Thomas Schmidthaber verrät: „Wenn wir kleine Arbeiten am Asphalt durchführen, gibt es danach die Wahl zwischen einer komplett neuen Straßendecke – was aufwendig und dann auch teuer wird – oder aber einem Flickenteppich. Wenn für Tiefbauarbeiten oder bei Ausbesserungen am Pflaster in der Altstadt gearbeitet wird, sieht man nach zwei Tagen nichts mehr davon.“ Und außerdem, da sind sich beide Straßenmeister einig, ist eine durchgehende Asphaltdecke im Stadtkern „ein absolutes No-Go“, sowohl optisch, als auch im Hinblick auf das Gesamtensemble von Straßen, Plätzen und historischen Gebäuden.

Ein Pflaster mit Geschichte(n)
Das schöne Pavei hat nicht nur selbst eine interessante Geschichte, es erzählt auch viele kleine und große Geschichten. Jeder Aachener wird solche Ameröllchen haben. Erinnerungen an die ersten holprigen Radfahrversuche über das Kopfsteinpflaster, an nasse Fahrbahnen oder auch klägliche Versuche per Inliner die Innenstadt zu erobern. Jeden Tag sieht man neugierige Kinder, die zum ersten Mal den ungewohnten Untergrund beschreiten, befühlen oder die unterschiedlichen Muster des Pflasters bestaunen.

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Öcher Pavei: Wohin man schaut, ist die Aachener Innenstadt „vollgepflastert“. © Stadt Aachen / Timo Pappert


Ebenso kann das Aachener Pflaster mit internationalen Geschichten aufwarten. Nicht nur das atemberaubende Radrennen „Rund um Dom und Rathaus“, das alljährlich einen Hauch des legendären Klassikers „Paris-Roubaix“ in die Kaiserstadt trägt, lässt die vielen Steine in den Fokus rücken. Und im letzten Sommer konnten die Weltstars der „Tour de France“ zeigen, wie man trotz „Öcher Weär“ mit Höchsttempo das Marktpflaster bezwingt.

Bei folgender Anekdote werden viele Aachenerinnen wissend Nicken und Mitgefühl zeigen: Gretta Duisenberg, deren Mann Wim soeben in seiner Funktion als EZB-Präsident den Karlspreis entgegengenommen hatte, blieb 2002 mit ihren hohen Absätzen im schönen Kopfsteinpflaster hängen. Ihr Mann überließ ihr kurzerhand seine Anzugschuhe und lief selbst auf Socken zum Empfang in der Aula Carolina.

Das Altstadtpflaster gehört zu Aachen wie der Dom und Kaiser Karl. Es ist aus der Innenstadt nicht wegzudenken, und dank Axel Stärk, Thomas Schmidthaber und ihren Kolleginnen und Kollegen können wir uns noch auf viele weitere Anekdoten über unser Öcher Pavei freuen.

Infos:
Das Natursteinpflaster in der Innenstadt besteht aus verschiedenen Steinsorten: Basalt, Blaubasalt, Granit, Grauwacke, Melaphyr und Porphyr.

Es gibt drei Kategorien für die Steingröße:
Mosaikpflaster: 3/5 cm bis 5/7 cm.
Kleinpflaster: 7/9 cm bis 9/11 cm
Großpflaster: ab 11 cm Kantenlänge

Wie viele Pflastersteine genau in der Altstadt verbaut sind, vermag heute niemand mehr zu sagen. Ein kleiner Hinweis auf das Ausmaß ist, dass allein die Karrees auf dem Katschhof aus etwa 156.000 einzelnen Steinen bestehen.

Herausgegeben am 23.08.2018 von:

Stadt Aachen
Fachbereich Presse und Marketing
Bernd Büttgens
Markt 39
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fon: 0241/432-1309
fax: 0241/28-121
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